
Kinder haben ein Recht auf Schutz vor Gewalt
Kinder sollen groß werden können, ohne Gewalt zu erfahren: Das ist seit mehr als 25 Jahren per Gesetz in Deutschland festgeschrieben. Trotzdem sind immer noch viele Kinder im Alltag physischer oder emotionaler Gewalt ausgesetzt.
von UNICEF-Redaktion
Das Wichtigste in Kürze
- Kinder in Deutschland haben seit dem Jahr 2000 einen gesetzlichen Anspruch auf gewaltfreie Erziehung.
- Das Gesetz ist in Paragraf 1631 BGBB festgehalten und bezieht sich auf alle Erziehungsbereiche – also nicht nur die Familie, sondern auch Schule und Kita sowie alle Freizeit- und Betreuungseinrichtungen.
- Noch immer erfahren viel zu viele Kinder körperliche und seelische Gewalt. UNICEF setzt sich dafür ein, dass Kinder in Deutschland und weltweit ohne Gewalt aufwachsen können.
Was bedeutet gewaltfreie Erziehung?
Der “Klaps auf den Po”, Auslachen oder Bemerkungen wie “Das schaffst du doch sowieso nicht” – was Eltern und Erzieher*innen vielleicht als Nebensächlichkeit empfinden, kann für Kinder eine Gewalterfahrung sein. Gewaltfreie Erziehung bedeutet, Kinder respektvoll und auf Augenhöhe zu erziehen – ohne Schläge, Anschreien oder Erniedrigung. Denn Gewalt ist nicht immer körperlich. Es gibt physische, psychische und sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Auch körperliche oder emotionale Vernachlässigung ist eine Form von Gewalt. Im Mittelpunkt der gewaltfreien Erziehung stehen eine starke Bindung, Kommunikation und Respekt für die Bedürfnisse des anderen.
§ 1631 BGB: Das Recht auf gewaltfreie Erziehung im Grundgesetz
Das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert per Gesetz festgeschrieben. Am 8. November 2000 ist der Paragraf 1631 des Bürgerlichen Gesetzbuches in Kraft getreten. Dort heißt es:
Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.
Das Recht auf Schutz vor Gewalt ist eines der Kinderrechte, die seit 1989 in der UN-Kinderrechtskonvention festgehalten sind. Mit dem Paragraf 1631 BGB ist dieses Recht zwar im Bürgerlichen Gesetzbuch festgehalten, im Grundgesetz findet man die Kinderrechte aber nicht. UNICEF fordert seit vielen Jahren, die Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen, um sie bekannter zu machen und ihre Einhaltung zu fördern.
Übrigens: Deutschland ist das neunte europäische Land, das Kindern einen gesetzlichen Anspruch auf gewaltfreie Erziehung gegeben hat. In Schweden gibt es dieses Recht schon seit fast 50 Jahren (1979).
Auch wenn normalerweise die Eltern den größten Anteil an der Erziehung eines Kindes haben, gilt das Recht auf gewaltfreie Erziehung nicht nur in der Familie. Es gilt uneingeschränkt überall dort, wo Kinder im Alltag betreut werden, zum Beispiel in Kita und Schule, im Sportverein oder bei der Nachhilfe, aber auch im Kinderheim und in anderen Betreuungseinrichtungen.
Welche Folgen hat Gewalt in der Kindheit?
Wenn Kinder in der Familie oder im Umgang mit Bezugspersonen Gewalt erleben, belastet sie das oft ein Leben lang. Die körperlichen und psychischen Folgen können sehr unterschiedlich sein – abhängig von der Schwere und Dauer der Gewalt und von der Resilienz des jeweiligen Kindes.
- Körperliche Folgen: Kinder tragen nicht nur Verletzungen und Narben davon, sondern haben zum Beispiel auch eine höhere Anfälligkeit für Über- oder Untergewicht.
- Psychische Folgen: Lernschwierigkeiten, Konzentrationsstörungen oder eine verlangsamte sprachliche Entwicklung können Folgen des massiven Stresses durch Gewalt sein.
- Emotionale Folgen: Viele Kinder fühlen sich wertlos, haben ein geringes Selbstvertrauen und vertrauen auch Erwachsenen nicht, leiden unter Ängsten oder neigen zu Wutausbrüchen.
Studien zeigen, dass misshandelte Kinder ein erhöhtes Risiko haben, im Erwachsenenalter an Depressionen und anderen psychischen Störrungen zu erkranken. Auch darum ist es entscheidend, den Kindern rechtzeitig zu helfen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten.

Kinder, die Gewalt erfahren, leiden massiv. Nicht wenige übernehmen das erlernte Verhalten und üben als Erwachsene selbst Gewalt aus.
© UNICEF/UNI898834/Gonzalez YepesAuch Gewalt in der Partnerschaft hat Folgen für Kinder
Häusliche Gewalt kann verheerende Folgen für Kinder haben. Das gilt auch dann, wenn sie nicht selbst Gewalt erfahren. Kinder, die Gewalt in der Familie miterleben, empfinden häufig Ohnmacht oder Schuld. Einige reagieren mit Ängsten, Schlafstörungen oder Aggressionen. Verschiedene Studien zeigen auch, dass Kinder die erlebten Verhaltensmuster im Jugend- und Erwachsenenalter übernehmen und ebenfalls zu Gewalt neigen.
Sieben Tipps für gewaltfreie Erziehung
Familienleben ist nicht immer einfach – umso wichtiger ist ein respektvolles und offenes Miteinander ohne körperliche oder seelische Gewalt. Es ist die Aufgabe der Erwachsenen, ein solches Verhalten vorzuleben und klare Regeln zu schaffen. Das gilt nicht nur für Eltern, sondern auch für Erzieher*innen, Pädagog*innen und andere Betreuungspersonen.
- Bindung stärken: Wer bewusst Zeit miteinander verbringt, schafft Bindung und Vertrauen – die Grundlage für eine offene, zugewandte Kommunikation
- Auf Augenhöhe kommunizieren: Statt Anschreien oder Vorwürfen ist es oft besser, Konflikte ruhig und mit Augenkontakt zu besprechen.
- Klare Regeln und Grenzen: Gemeinsam vereinbarte Regeln sind für Kinder verständlicher und leichter einzuhalten. Für viele Kinder sind positiv formulierte Grenzen (Das sollst du tun) leichter nachzuvollziehen als negative (Das sollst du nicht tun).
- Stärken fördern: Kinder sehnen sich nach Anerkennung. Eltern und Erziehungsberechtigte sollten Stärken und Erfolge loben, anstatt ständig auf Schwächen hinzuweisen.
- Bedürfnisse verstehen: Wenn Erwachsene verstehen, warum ein Kind so handelt, wie es handelt, fällt es leichter, auf Konflikte zu reagieren und Lösungen zu finden.
- Ruhig bleiben: Eltern sind Vorbilder. Für Kinder ist es wichtig zu sehen, dass sie in Konfliktsituationen ruhig bleiben und sprechen, anstatt zu schreien oder wegzulaufen.
- Hilfe suchen: Zahlreiche Anlaufstellen und Beratungsstellen bieten Hilfe bei Gewalterfahrungen. Hier können sich Kinder und Erwachsene Unterstützung holen, wenn sie Gewalt in der Erziehung belastet.
Recht auf gewaltfreie Erziehung: Unterrichtsmaterial kostenlos herunterladen
Wie hilft UNICEF, Kinder vor Gewalt zu schützen?
Weltweit erleben Millionen Kinder tagtäglich Gewalt. Ob durch Krieg, durch Armut, als Folge von Diskriminierung oder auch innerhalb der eigenen Familie: Viel zu viele Kinder können sich im Alltag nicht sicher fühlen und leiden unter den Folgen von körperlicher, seelischer oder sexualisierter Gewalt.

Bild 1 von 3 | Kinderarbeit und Kinderehen bedeuten häufig, dass Kinder und Jugendliche Gewalt ausgesetzt werden. UNICEF setzt sich weltweit dafür ein, dass Kinder wie Zahra (10) und Sanaz (9) in Afghanistan lernen und spielen können und geschützt aufwachsen.
© UNICEF/UNI954483/Khayyam
Bild 2 von 3 | In Elterngruppen wie hier in Vietnam bekommen Eltern Erziehungstipps und haben Gelegenheit, sich in einem geschützten Raum ganz bewusst mit ihren Kindern zu beschäftigen.
© UNICEF/UNI973702/Vu Le Hoang
Bild 3 von 3 | UNICEF unterstützt sogenannte Safe Parks wie hier in Südafrika. Sie bieten Kindern einen geschützten Ort, an dem sie spielen, ihre Hausaufgaben machen können und sozialpädagogisch betreut werden können.
© UNICEF/UNI891140/Mkhize
UNICEF ist in vielen Ländern vor Ort, um Kinder vor Gewalt zu schützen und ihnen bessere Perspektiven zu bieten.
- Wir helfen, geschützte Räume zu schaffen, in denen Kinder spielen und lernen können.
- Wir unterstützen sozialpsychologische Angebote für Kinder, die durch Gewalt und Flucht traumatisiert sind.
- Wir klären Eltern und Erziehungspersonen über die Methoden gewaltfreier Erziehung auf.
- Wir engagieren uns weltweit gegen Kinderarbeit und Kinderehen.
- Wir unterstützen Kinder auf der Flucht, ehemalige Kindersoldat*innen und Kinder, die auf der Straße leben, um ihnen Chancen für eine bessere Zukunft zu bieten.
Häufige Fragen und Antworten zur gewaltfreien Erziehung
Gewalt in der Erziehung umfasst körperliche Bestrafungen aber auch seelische Verletzungen wie Demütigung und Erniedrigung und andere Maßnahmen, die das Kindeswohl gefährden. Auch Vernachlässigung und sexualisierte Gewalt sind Gewalt in der Erziehung.
Ja, sowohl aus rechtlicher als auch aus pädagogischer Sicht ist eine Ohrfeige Gewalt und damit eine Misshandlung. Dennoch ist laut einer UNICEF-Studie aus dem Jahre 2020 immer noch jeder sechste Erwachsene in Deutschland der Meinung, dass Ohrfeigen als Teil der Erziehung angebracht sind.
In Paragraf 1631 BGB des Bürgerlichen Gesetzbuchs ist festgehalten, dass Gewalt gegen Kinder in der Erziehung unzulässig ist. Mehr als 130 Länder der Welt haben die körperliche Bestrafung von Kindern gesetzlich verboten. Trotzdem erfahren noch immer viel zu viele Kinder Gewalt in der Erziehung – auch in Deutschland.
Bemerkungen, die das Selbstwertgefühl von Kindern schwächen oder emotional erpressend sind, können schlimme Folgen haben. Dazu zählen Sätze wie „Das schaffst du sowieso nicht!“, „Immer machst du alles kaputt.“ oder „Warum bist du so böse?“.
Auch Drohungen und Anschuldigungen wie „Du bist schuld, dass ich traurig bin“ oder Sätze, die die Gefühle von Kindern abwerten, etwa „Du hast keinen Grund zu heulen“, sind emotionale Gewalt an Kindern.
Diesen Artikel hat das Team der UNICEF-Redaktion für Sie recherchiert und verfasst.