
Gewalt in der Kindheit: Folgen & Auswirkungen
Gewalt in der Kindheit hinterlässt Spuren – oft ein Leben lang. Was viele nicht wissen: Sie passiert nicht nur in dramatischen Extremfällen. Sie passiert am Mittagstisch, in der eigenen Familie, in vermeintlich sicheren Umgebungen. Und sie betrifft viele Menschen. Zwei von ihnen sind Annika* und Aykut*.
von Sandra Redegeld
Körperliche und seelische Gewalt
Annika* und Aykut* erinnern sich noch gut, als sie in ihrer Kindheit Gewalt erlebten – die Folgen spüren sie bis heute. Annika hat zum Beispiel einmal versprochen die Spülmaschine auszuräumen. Da war sie etwa zwölf Jahre alt. Doch sie hatte es vergessen. Ihre Mutter wurde sehr wütend, sie schrie Annika an und warf ihr vor, man könne sich nicht auf sie verlassen – sie schlug ihr ins Gesicht. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Mutter so reagierte.
*Annika und Aykut existieren nicht, aber ihre Geschichten basieren auf wahrer Begebenheit.
Aykut kennt Situationen wie diese. Manchmal, wenn er mit seiner Familie gemeinsam am Mittagstisch saß, schlugen erwachsene Familienmitglieder ihm zum Beispiel in den Nacken. Sie meinten, es wäre „doch nur Spaß“, aber Aykut verletzten die Schläge. Wegen Demütigungen wie dieser lernte er, nicht zu sagen, wenn ihm etwas weh tat oder er etwas nicht mochte. Der Umgang mit seinen Emotionen bereitet ihm bis heute große Probleme. Es fällt ihm schwer seine Gefühle zu äußern und echte Bindungen aufzubauen.
Laut des UNICEF-Berichts zur Lage der Kinder 2025 in Deutschland können Erfahrungen von Gewalt, Misshandlung oder Vernachlässigung in Kindheit und Jugend für Betroffene langfristige Folgen haben. Diese reichen von Beeinträchtigungen der psychischen und körperlichen Gesundheit über Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen bis hin zu geringeren Bildungserfolgen und einem erhöhten Risiko, im Erwachsenenalter arbeitslos zu werden. Besonders schwerwiegend ist, dass Kinder und Jugendliche, die in ihrer Familie Gewalt, Misshandlung oder Vernachlässigung erleben, auch in anderen Lebensbereichen häufiger erneut von Gewalt betroffen sind. Wie stark die negativen Auswirkungen ausfallen, hängt vor allem davon ab, wie schwer und wie lange die Gewalt an den Betroffenen andauert.
Schätzungen zufolge haben 2020 ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland in der Kindheit mindestens eine Form mittelschwerer bis schwerer Gewalt erlebt. Die Folgen können Betroffene ihr ganzes Leben beeinträchtigen.
Was zählt als Gewalt gegen Kinder?
Eine Backpfeife, ein Schlag in den Nacken, Bedrohungen, Übergriffe, Beschimpfungen, laute, leise, sichtbare und unsichtbare Angriffe – Gewalt gegen Kinder hat viele Gesichter.
UNICEF setzt sich in Deutschland und weltweit dafür ein, Kinder vor Gewalt zu schützen.
Kinder haben ein fundamentales Recht auf Schutz vor körperlicher und geistiger Gewalt, Misshandlung, Verwahrlosung und Ausbeutung. Dieses Recht ist in der UN-Kinderrechtskonvention verankert. Als Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen ist es unser Auftrag uns dafür einzusetzen, dass die Rechte von allen Kindern verwirklicht werden.
Formen von Gewalt gegen Kinder

Streit zwischen den Eltern oder Betreuungspersonen kann sich negativ auf Kinder auswirken. Wenn sich die Vertrauenspersonen anschreien, sich möglicherweise schlagen oder Gegenstände werfen, kann das Kinder verunsichern und zum Beispiel zu Angststörungen führen.
© UNICEF/UNI862385/Paula G. VidalDie verschiedenen Gewaltformen lassen sich nicht immer eindeutig voneinander abgrenzen – häufig treten sie gemeinsam auf.
- Psychische Misshandlung: Erniedrigungen durch Worte, Diskriminierung, Anschreien, Liebesentzug bis hin zu Bedrohungen und offener Verachtung.
- Körperliche Misshandlung: Physische Gewalt gegen Kinder, wie beispielsweise das Schlagen mit Händen und Gegenständen sowie Schütteln, Beißen, Verbrühen und Vergiften.
- Sexualisierte Gewalt: Jegliche sexuelle Handlung an und mit Kindern ist sexualisierte Gewalt, wie sexuelle Handlungen am Körper des Kindes oder sexuelle Handlungen vor einem Kind. Sexuelle Handlungen sind demnach immer als sexualisierte Gewalt zu werten.
- Vernachlässigung: Das Versagen, einem Kind grundlegende körperliche und emotionale Bedürfnisse im Bereich der Gesundheit, Bildung, emotionalen Entwicklung, Ernährung, Unterbringung und nach einem sicheren Lebensumfeld zu erfüllen.
Auch häusliche Gewalt zählt zu Gewalt gegen Kinder – es handelt sich dabei um die indirekte Kindesmisshandlung. Laut des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird „etwa jede vierte Frau mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch ihren aktuellen oder durch ihren früheren Partner“ (bmbfsfj.bund.de, Formen der Gewalt erkennen | 2025). Kinder, die im häuslichen Umfeld miterleben, wie Bezugspersonen gewalttätig werden, können psychisch schwer belastet sein – als Betroffene häuslicher Gewalt sind sie besonderen Risiken ausgesetzt.
Familiäre Belastungen gelten laut internationaler Studien als Risikofaktoren für Gewalt und Vernachlässigung in Familien.
Dürfen Eltern ihre Kinder schlagen?
Es ist Eltern, Erziehungsberechtigten, Verwandten, Freund*innen und Bekannten der Familie und sonst niemanden erlaubt Kinder zu schlagen.
Es gibt eine klare Abgrenzung zwischen Erziehung und Gewalt, denn die gewaltfreie Erziehung ist im Bürgerlichen Gesetzbuch seit November 2000 verankert und Teil der UN-Kinderrechtekonvention. Dort heißt es beispielsweise in „§ 1631 Inhalt und Grenzen der Personensorge Absatz 2, dass ein Kind „das Recht hat auf […] Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen“.
Die gesetzliche Norm zum Recht auf gewaltfreie Erziehung berücksichtigt bislang nicht die Misshandlungsform der Vernachlässigung. Während die Ablehnung körperlicher Gewalt und auch zunehmend der emotionalen Gewalt im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert ist, fehlt es weiterhin an einer breiten Sensibilisierung für die Folgen unterlassener Fürsorge. Der Begriff der gewaltfreien Erziehung sollte daher im Bürgerlichen Gesetzbuch ausdrücklich auf diese Form der Gewalt durch Vernachlässigung ausgeweitet werden.
Oft ist Gewalt schwer nachzuweisen. Annika hat während ihrer Jugend immer wieder darüber nachgedacht mit jemanden über das Erlebte zu sprechen. Doch: würde man ihr glauben? Wie solle sie das beweisen? Ist eine Ohrfeige wirklich so schlimm? Welche Schwierigkeiten würde sie zuhause bekommen?
Auch wenn wir immer mehr Menschen über die dramatischen Auswirkungen von Gewalt wissen, hielten in Deutschland 2025 14,5 Prozent einer UNICEF-Studie eine „leichte Ohrfeige“ als angemessene Erziehungsmethode. Immerhin: Die Sensibilisierung für das Thema steigt. Zum Vergleich: Im Jahr 2005 berichteten 53,7 Prozent der Befragten, schon einmal eine „leichte Ohrfeige“ als Erziehungsmethode eingesetzt zu haben.
Auswirkungen für das Verhalten
Zu Beginn dieses Textes haben Sie auch Aykut kennengelernt, der bis ins Erwachsenenalter große Bindungsschwierigkeiten hatte. Er hat gelernt, dass jede vermeintlich negative Emotion eine Form von Gewalt zur Folge haben kann. Ein Schlag, ein verletzender Spruch („Stell dich doch nicht so an“), ein Schubsen, Türen knallen, Ausgrenzung von sozialem Miteinander und vieles mehr – Aykut hat für sich die Erfahrung gemacht, es ginge ihm besser, wenn er gar keine Emotionen mehr zeigen würde.
Mit verheerenden Folgen für ihn und Kinder, die gewaltvolle Erfahrungen gemacht haben: die psychisch emotionalen Verletzungen können zu Depressionen, Scham- oder Schuldgefühlen und/oder einem verminderten Selbstwert führen.
Auch auf das direkte Verhalten können sich traumatische Gewalterfahrungen auswirken. Betroffene zeigen zum Beispiel mitunter eine erhöhte Aggressivität, ziehen sich zurück oder haben soziale Schwierigkeiten. Möglich sind außerdem Essstörungen, Konzentrations- und Schlafstörungen sowie psychosomatische Beschwerden. Auch ein Leistungsabfall in der Schule, in der Ausbildung, im Studium oder im Beruf kann eine schwerwiegende Folge sein.

Auch abseits der eigenen vier Wänden machen Kinder schlimme Erfahrungen. Zum Beispiel wenn sie im angeschrien werden, sie sollen sich jetzt endlich beeilen. Oder fest am Arm gepackt werden, weil sie träumen, statt zuzuhören. Oder beleidigt werden, weil sie versehentlich hingefallen sind.
© UNICEF/UNI598326/Sachse-GrimmLangfristige Folgen von Gewalt
Psychische Folgen von Gewalt in der Kindheit
Wie wenig sichtbar seelische Gewalt und ihre Folgen sind, zeigt sich auch im Bericht 25 Jahre gewaltfreie Erziehung im BGB. Dort heißt es, es sei unklar, ob und welche emotionalen Strafen in der Erziehung toleriert und als angebracht erachtet werden würde. Weiter zeigt ein Ergebnis, dass 63,5 Prozent der Befragten der Meinung sind, emotionale Bestrafung sei nicht schädlich. Die restlichen 36,5 Prozent stimmen nicht (13,2 Prozent), zum Teil (12,2 Prozent), etwas (4,5 Prozent) oder voll und ganz zu (3,7 Prozent).
Die verheerenden psychischen Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter, können Betroffene in verschiedenen Lebenslagen beeinträchtigen und psychische Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen verstärken. Betroffene können unter Bindungsproblemen und posttraumatischen Belastungsstörungen sowie einem verminderten Selbstwertgefühlt leiden.
Jungen Erwachsenen kann es zum Beispiel schwer fallen Beziehungen zu führen oder ihren Selbstwert zu stärken. Annika zum Beispiel hat heute als Erwachsene Schwierigkeiten sich vor ihren Freund*innen wirklich zu öffnen. Aus Angst vor negativen Konsequenzen erzählt sie nie von sich selbst und nimmt nur unregelmäßig an Treffen teil. Es fällt ihr insgesamt schwer, echte Beziehungen aufzubauen.
Körperliche und gesundheitliche Folgen von Gewalt in der Kindheit
Nicht nur Studien, auch direkte Erfahrungsberichte aus dem eigenen Umfeld zeigen, dass die Folgen von Gewalt in der Kindheit verheerend sein können. Die Drohungen von Bezugspersonen (zum Beispiel: „Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst“), Vernachlässigung, Misshandlungen, die Folgen häuslicher oder sexualisierte Gewalt können schwere seelische und körperliche Schäden sowie chronische Krankheiten verursachen.
Laut eines Themenblatts des Robert Koch Institut (RKI) „spielen traumatische Erfahrungen bei der Entstehung von zahlreichen psychischen Störungen im Lebensverlauf eine wichtige Rolle.“
Der WHO zufolge (2022) kann Gewalt in der Kindheit die Entwicklung des Gehirns und des Nervensystems beeinträchtigen – die Folgen von Gewalt können sich negativ auf die kognitive Entwicklung auswirken.
Außerdem können belastende Erfahrungen zu schädlichen Bewältigungsstrategien führen. Laut WHO (2022) kann es dazu kommen, dass Kinder, die Gewalt und anderen belastenden Erfahrungen ausgesetzt sind, häufiger rauchen, eher Alkohol und Drogen missbrauchen und häufiger riskantes Sexualverhalten zeigen. Außerdem sind sie häufiger von Angststörungen, Depressionen, anderen psychischen Problemen sowie Suizid betroffen.
Betroffene finden Hilfe! Wir haben Anlaufstellen zusammengefasst, an denen Kinder, junge Erwachsene und Erwachsene Hilfe finden.
Soziale und gesellschaftliche Auswirkungen von Gewalterfahrungen in der Kindheit
Auch wenn Gewalt gegen Kinder gesellschaftlich immer mehr auf Ablehnung stößt, ist das Thema weiter stigmatisiert. Betroffenen kann es schwer fallen sich im eigenen Umfeld offen zu dem Thema zu äußern und über ihre Erfahrungen zu berichten.
Kinder, die Gewalt erleben, haben zum Beispiel ein erhöhtes Risiko unter Konzentrationsschwierigkeiten zu leiden. Das wiederum kann sich negativ auf die schulische Leistung auswirken – somit kann der Bildungsweg betroffen sein. Dabei ist vor allem Bildung eine wichtige Säule, um sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen.
Weil Kinder das Verhalten ihrer Eltern, eines Elternteils oder Erziehungsberechtigten auch übernehmen können, kann es zur Gewaltspirale kommen. Das kann ein eine unbewusste Übernahme des Verhaltensmusters sein – aber es kann dazu kommen.
Gewalt in der Kindheit verarbeiten
Kinder haben keine Schuld daran, dass sie Gewalt erlebt haben – oder erleben. Es gibt keinen Grund sich zu schämen, sich zurückzuziehen, nicht an sich und die eigenen Fähigkeiten zu glauben oder sich aufzugeben. Ihr habt keine Schuld!
Ein guter Weg, das Erlebte zu verarbeiten, kann beispielsweise eine psychotherapeutische Unterstützung, professionelle Beratungsangebote oder Selbsthilfeangebote sein. Gemeinsam mit Expert*innen gelingt es vielen Betroffenen die Erfahrungen aufzuarbeiten und hinter sich zu lassen. Auch chronische Schwierigkeiten können hier bearbeitet und verbessert werden. Aykut hat sich beispielsweise Hilfe geholt und berichtet, dass er heute eine gute partnerschaftliche Beziehung führen kann. Probleme kann er heute besser ansprechen und auch Ängste und Sorgen teilt er mit seinen Freund*innen. Dabei merkt er, dass sie ihn aufrichtig mögen und es keinen Grund gibt, sich oder seine Emotionen zu verstecken.
Hier findet ihr und finden Sie Anlaufstellen und Beratungsstellen bei Gewalterfahrungen:
Gewaltfreie Erziehung stärkt Kinder in ihrer Entwicklung, ihrem Selbstwertgefühl und ihrem Vertrauen in enge Bezugspersonen. UNICEF setzt sich weltweit für Kinderrechte ein. Und dafür, Kinder vor Gewalt zu schützen, Eltern und Betreuungspersonen zu unterstützen und gewaltfreie Erziehung zu fördern – damit jedes Kind sicher und geborgen aufwachsen kann.
Kinderrechte schützen: Wie UNICEF das Recht auf ein gewaltfreies Aufwachsen weltweit umsetzt
Jedes Kind hat das Recht, frei von Gewalt aufzuwachsen – egal wo auf der Welt. Die UN-Kinderrechtskonvention ist eindeutig: Kinder müssen vor körperlicher, seelischer und sexualisierter Gewalt geschützt werden. Doch die Realität sieht für Millionen Kinder weltweit anders aus.
UNICEF arbeitet weltweit daran, dieses Recht Wirklichkeit werden zu lassen – durch Aufklärung, Stärkung von Familien und politische Arbeit sowohl national als auch international. Mit dem Kinderrechteschulen Programm bringen wir Kinderrechte in Deutschland direkt in den Schulalltag. Wir unterstützen Lehrkräfte und Ganztagsmitarbeitende dabei, das Thema fest in Unterricht und Schulentwicklung zu verankern.
Auf internationaler Ebene sind wir zum Beispiel in Konflikt- und Krisenregionen im Einsatz und sorgen dafür, dass Kinder vor Gewalt geschützt werden. Dazu richten wir Kinderschutzzentren ein, wie in der Ukraine oder im Sudan. In der Demokratischen Republik Kongo unterstützen wir dabei Kinder vor der Ausbeutung als Kindersoldat*innen zu schützen und helfen bei der Befreiung rekrutierter Kinder.
Wir von UNICEF sind und bleiben im Einsatz für die Kinder. Für jedes Kind!
Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals 2020 von Kerstin Bücker. Die darin vorgestellte Studie von UNICEF zeigte: Für einen Teil der deutschen Bevölkerung ist Gewalt gegen Kinder nach wie vor akzeptabel. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für die oft lebenslangen Folgen, die Gewalt bei Kindern hinterlässt. Deshalb haben wir den Beitrag für Sie aktualisiert.
Sandra Redegeld ist Print- und Online-Redakteurin und bloggt über die UNICEF-Arbeit weltweit.