Ukraine: Ein Mädchen sitzt in einem Klassenzimer.

Interview Susanne Hassel

Ein Gespräch mit Susanne Hassel über die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit: Warum Kinderrechte uns alle angehen und Deutschlands Engagement unerlässlich bleibt.

Die Welt ist in Bewegung. Viele Regierungen kürzen ihre Ausgaben für Entwicklung und humanitäre Hilfe. Auch in Deutschland wird die internationale Zusammenarbeit in Gesellschaft und Politik nicht mehr als selbstverständlich wahrgenommen. Warum ist es gerade jetzt entscheidend, dass Deutschland sein Engagement in der internationalen Zusammenarbeit stärkt?

Angesichts der aktuellen globalen Umbrüche, einschließlich dramatischer Kürzungen von internationalen Hilfszahlungen, braucht es gerade jetzt dringend mehr Engagement und Unterstützung – und nicht weniger. Die Rolle von Deutschland in der internationalen Gemeinschaft ist daher wichtiger denn je – auch im Hinblick auf eine wertebasierte internationale Zusammenarbeit.

Mit seinem Engagement in der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit leistet Deutschland einen wichtigen Beitrag zu Sicherheit und Stabilität in vielen Ländern – das wird oft übersehen. Langfristig kommt das auch Europa und Deutschland zugute, gerade in Anbetracht der aktuellen globalen Entwicklungen.

Für uns bei UNICEF steht fest: Wenn wir Antworten auf die vielen Kriege und Krisen weltweit finden – und somit Frieden und Stabilität fördern – wollen, müssen wir bei den Kindern anfangen. Investitionen in Kinder sind die beste Investition in eine friedliche Zukunft.

Chad: Mädchen sitzt mit einem UNICEF-Rucksack auf dem Rücken in einem Klassenzimmer.

Investitionen in Kinder zeigen Wirkung: Jeder US-Dollar, der in das Wohl von Kindern investiert wird, bringt sozioökonomisch das Zehnfache zurück.

© UNICEF/UN0794811/Dejongh

Die neue Bundesregierung wird bald einen neuen Haushalt für dieses Jahr aufstellen. Der bisherige Haushaltsentwurf für 2025 sieht starke Kürzungen im Bereich der humanitären Hilfe und der Entwicklungszusammenarbeit vor. Was muss jetzt geschehen?

Es macht uns wirklich Sorgen, dass immer mehr Länder ihre Ausgaben für internationale Zusammenarbeit kürzen. Das hat direkte und weitreichende Folgen für Kinder. So sind beispielsweise Programme gefährdet, die gegen Gewalt an Kindern vorgehen, mangelernährte Kinder versorgen oder die medizinische Versorgung von Kindern sichern. Deutschland spielt eine wichtige und stabilisierende Rolle in Krisenländern wie Syrien, der Ukraine oder in Subsahara-Afrika, zum Beispiel durch humanitäre Hilfe und wenn es darum geht, Kinder und Familien längerfristig dabei zu unterstützen, in und nach Krisen und Konflikten wieder Perspektiven zu schaffen. Millionen von Kindern weltweit zählen darauf, dass Deutschland diese Rolle stärkt und weiter ausbaut.

Sicherheit und Stabilität kann man nicht erreichen, indem man die Mittel kürzt, die dafür sorgen, dass Krisen sich nicht weiter ausbreiten und Kinder in Not geholfen wird.

Sudan: Mädchen isst einen BP-5 Keks.

Heute überleben deutlich mehr Kinder als jemals zuvor. Die Kindersterblichkeit ist seit 2000 um 60 Prozent gesunken.

© UNICEF/UNI462548/Elfatih

Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Kinder weltweit?

Aktuell leben rund 473 Millionen Kinder in Konfliktgebieten – das entspricht mehr als jedem sechsten Kind weltweit. Blicken wir auf die Ukraine, Sudan oder Gaza, dann sehen wir, mit welch grausamen Situationen Kinder konfrontiert sind. Sie werden getötet und verletzt, sie werden Opfer sexualisierter Gewalt oder kämpfen ums Überleben, weil sie keine humanitäre Hilfe bekommen.

Hinzu kommen die verheerenden Auswirkungen der Klimakrise und wirtschaftliche Herausforderungen. Fast jedes zweite Kinder weltweit lebt in einem Land, in dem es durch die Folgen der Klimakrise extrem stark gefährdet ist. Immer mehr Kinder hungern, werden krank oder leben in extremer Armut. Wenn wir nicht schnell gegensteuern, droht eine ganze Generation ihre faire Chance auf eine bessere Zukunft zu verlieren.

Wie setzt humanitäre Hilfe in diesen Krisen an?

Kinder und junge Menschen sind in Notsituationen besonders verletzlich und brauchen gezielte Hilfe. Das Ziel humanitärer Hilfe ist es, Leben zu retten und Not zu lindern. Sie umfasst alles, was Menschen in akuten Notsituationen – wie z.B. in Kriegen oder infolge von Naturkatastrophen – dringend brauchen. Also beispielsweise Lebensmittel und sauberes Trinkwasser, aber auch medizinische Versorgung und psychosoziale Hilfe. All dies leistet UNICEF in Krisenregionen.

Mauretanien: Ein Junge sitzt an einem Brunnen.

In den letzten zwanzig Jahren haben über 2,1 Milliarden Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser erhalten. Dies trägt dazu bei, Kinder vor Krankheiten und Mangelernährung zu schützen.

© UNICEF/UN0645781/Boughaleb

Humanitäre Hilfe rettet Leben – das hast Du gerade verdeutlicht. Aber was ist mit der Entwicklungszusammenarbeit? Sie wird in der öffentlichen Debatte manchmal kritischer beäugt. Warum ist Sie aus Sicht von UNICEF ebenso wichtig?

Entwicklungszusammenarbeit bedeutet, Menschen weltweit neben der akuten Hilfe so zu unterstützen, dass sie Krisen eigenständig bewältigen und langfristig stabile Lebensbedingungen für sich und ihre Familien schaffen können. Sie trägt somit dazu bei, Kindern ein sicheres und gesundes Aufwachsen – und eine gute Zukunft – zu ermöglichen.

Für UNICEF bedeutet das beispielsweise konkret, Gesundheitssysteme zu stärken. Das ist wichtig, damit Kinder Impfungen erhalten und zum Arzt gehen können. Zudem trägt ein robustes Gesundheitssystem dazu bei, schnell auf Krisen wie Pandemien reagieren zu können und die Gesundheit von Kindern und Familien zu schützen.

UNI601445

In den vergangenen 50 Jahren haben Impfungen 154 Millionen Leben gerettet – dies entspricht sechs Menschen pro Minute.

© UNICEF/UNI601445/Naftalin

Auch Bildungsangebote und soziale Sicherungsprogramme gehören dazu. Bargeldhilfen oder Kindergeld beispielsweise helfen Kinder und ihren Familien, Armut zu überwinden und schaffen wirtschaftliche Perspektiven. Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel wiederum, wie klimaresiliente Schulen, schützen die Lebensgrundlagen der Menschen. Entwicklungszusammenarbeit befähigt Kinder und Familien also, zukünftige Krisen zu bewältigen und kann sogar verhindern, dass sie in extreme Notlagen geraten.

Konkret wird das schon heute umgesetzt, z.B. in der Sahelregion. UNICEF arbeitet hier mit dem Welternährungsprogramm, und dank deutscher Unterstützung, um Menschen in einer Region zu stärken, die von Klimaextremen, Konflikten und Armut geprägt ist. So wird der Hunger- und Klimakrise begegnet und Lebensgrundlagen und Perspektiven für viele junge Menschen geschaffen. Übergreifende Lösungen in den Bereichen Bildung, Ernährung und soziale Sicherung stärken gesellschaftliche Strukturen und die Widerstandsfähigkeit von Kindern, um Krisen frühzeitig zu begegnen. Solch eine Zusammenarbeit ist nicht nur nachhaltig, sondern leistet auch einen langfristigen Beitrag zu Stabilität und Frieden.

Du hast es gerade angesprochen: Deutschland ist ein wichtiger Partner von UNICEF. Wie wirkt dieses Engagement? Kannst Du ein konkretes Beispiel nennen?

Deutschland ist ein wichtiger Unterstützer für Kinder. Nehmen wir die Ukraine: dort hat die Unterstützung Deutschlands in Zusammenarbeit mit UNICEF in den vergangenen Monaten dazu beigetragen, Kinder und ihre Familien in Frontgebieten durch den harten Winter zu helfen - trotz anhaltender Angriffe. Beispielsweise durch Bargeldhilfen, die Verteilung von Winterkleidung und Decken, die Schaffung warmer, sicherer Schutzorte für Kinder und die Lieferung von Generatoren.

Gleichzeitig baut UNICEF die Energieversorgung und Krankenhäuser wieder auf, die aufgrund der anhaltenden Angriffe zerstört wurden. Der Fokus liegt dabei auf der langfristigen Stärkung von Kindern und ihren Familien. Auch frühzeitige Investitionen in Bildung, Ausbildung und soziale Reformen sind wichtig. Sie unterstützen Kinder dabei, Lernstoff nachzuholen und ihre Zukunft trotz aller Herausforderungen aktiv zu gestalten. Dieser langfristigere Blick ist entscheidend für Menschen in der Ukraine und den Wiederaufbau des Landes und darf nicht nachlassen.

Ukraine: Ein Mädchen sitzt in einer Schaukel.

Dank Unterstützung aus Deutschland trägt UNICEF dazu bei, Schulen, Kindergärten, aber auch die Wasserversorgung und Sanitäreinrichtungen in der Ukraine wiederaufzubauen und Zugang zu Bildung in einem sicheren Lernumfeld zu schaffen. Darüber hinaus werden Anlaufstellen für Familien geschaffen, die Hilfe und Betreuung brauchen.

© UNICEF/UNI735903/Filippov

Aktuell formiert sich eine neue Bundesregierung. Was gibt UNICEF ihr mit auf den Weg?

Wir befinden uns an einem entscheidenden Punkt. Die neue Bundesregierung übernimmt Verantwortung in einer Zeit großer globaler Herausforderungen – jetzt ist entschlossenes Handeln nötig. Deutschland muss weiterhin ein starker Partner für internationale Zusammenarbeit bleiben, bisher erreichte Fortschritte bewahren und Perspektiven für die heranwachsenden Generation schaffen. Deshalb haben wir von UNICEF Deutschland ganz konkrete Empfehlungen an die neue Bundesregierung formuliert.

Deutschland nimmt eine wichtige Rolle in der internationalen Gemeinschaft ein. Sein Engagement wird weiter gebraucht, um die junge Generation weltweit zu unterstützen und wichtige Reformen im internationalen System mitzugestalten. Für uns steht fest: Die Politik muss vor allem zukunftsorientiert sein – und das bedeutet, Kinder in den Fokus aller Bemühungen zu stellen. Sie zu schützen und zu fördern ist der Schlüssel zu einer stabileren, sichereren und friedlicheren Welt für alle.

Susanne Hassel ist bei UNICEF Deutschland verantwortlich für die politische Arbeit zu globalen Themen.