Pressemitteilung

Fortschritt gefährdet: Bekämpfung von Kinderarbeit nicht aus dem Fokus verlieren

UNICEF warnt anlässlich des Welttags gegen Kinderarbeit vor einer Abschwächung deutscher und europäischer Lieferkettengesetze 

Die zehnjährige Malala arbeitete mehrere Jahre in einer Glimmer-Mine in Madagaskar.

Die zehnjährige Malala (Name geändert) arbeitete mehrere Jahre in einer Glimmer-Mine in Madagaskar. Durch die Unterstützung von UNICEF und Partnern konnte sie der gefährlichen Arbeit entkommen. Ihre Eltern müssen jedoch noch immer in Minen ihr Geld verdienen.  

© UNICEF/UNI907448/Andrianantenaina

Zum morgigen Welttag gegen Kinderarbeit warnt UNICEF Deutschland: Die gegenwärtige Krisenlage aus Kriegen, häufigen Katastrophensituationen in Folge des Klimawandels und Einschnitten bei der Finanzierung von humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit ist ein großes Armutsrisiko für viele Familien. Als Folge könnte die Zahl der von Kinderarbeit betroffenen Kinder nach Jahren der Fortschritte wieder ansteigen.

Weltweit sind fast 138 Millionen Kinder und Jugendliche von Kinderarbeit betroffen, die sich gravierend auf ihre Bildung und Entwicklung auswirkt. Seit dem Jahr 2000 ist die Kinderarbeit zwar um fast 50 Prozent gesunken. Doch das internationale Ziel, sie bis 2025 weltweit zu beenden, wurde deutlich verfehlt. Und der erzielte Fortschritt ist fragil.

„In mehreren Regionen der Welt spitzt sich die Situation für Kinder zu. Ihre Rechte auf Schutz, Lernen, Spielen und darauf, einfach Kind zu sein, sind in Gefahr“, sagt Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. „Familien verlieren durch Wirtschaftskrisen, bewaffnete Konflikte und Gewalt oder Klimaschocks ihre Lebensgrundlage. Schulen müssen schließen, soziale Sicherung fällt aus. Eltern haben oft keine andere Wahl, als ihre Kinder arbeiten zu schicken. Um hier entgegenzuwirken, sind Politik und auch Unternehmen gefragt – vor Ort und auf internationaler Ebene.“

Gefährliche Formen der Kinderarbeit bedrohen Gesundheit und Sicherheit

Rund 54 Millionen Kinder und Jugendliche gehen einer gefährlichen Form von Kinderarbeit nach, die ihre Gesundheit, Sicherheit oder Entwicklung massiv gefährden. Besonders gefährliche Arbeiten werden sogar überdurchschnittlich häufig von jüngeren Kindern verrichtet, etwa in Mica-Minen, in denen sie unter riskanten Bedingungen den sogenannten Glimmer abbauen. Das ist eine Gruppe von Mineralien, die unter anderem in der Kosmetikindustrie verwendet wird und ein unerlässlicher Bestandteil von E-Batterien ist. Konflikte sind ein weiterer Risikofaktor: Kinderarbeit kommt in Konfliktgebieten vier Mal so häufig vor (21 Prozent) wie in stabilen Ländern (fünf Prozent).

Die Fortschritte in der Bekämpfung der Kinderarbeit sind zudem global ungleich verteilt. So tragen die Kinder in Subsahara-Afrika mit 87 Millionen arbeitenden Mädchen und Jungen beinahe zwei Drittel der weltweiten Last. In absoluten Zahlen gab es in dieser Region kaum Fortschritte. In Asien sank die Anzahl der Kinder in Kinderarbeit zuletzt von 49 Millionen im Jahr 2020 auf 28 Millionen im Jahr 2024.

Um die Fortschritte zu halten, Kinder zu schützen und Kinderarbeit wirksam zu bekämpfen, müssen aus Sicht von UNICEF Investitionen in die sozialen Sicherungs- und Schutzsysteme sowie die Gesetzeslage auf nationaler und internationaler Ebene gestärkt werden.

Wirksame Lieferkettengesetze sollten höchste Schutzstandards für Kinder sichern

Wirksame Lieferkettengesetze sind aus Sicht von UNICEF Deutschland von grundlegender Bedeutung, um Menschen- und Kinderrechte zu schützen und Kinderarbeit in globalen Lieferketten zu bekämpfen. Derzeit steht die Anpassung des deutschen Gesetzes an die Vorgaben des sogenannten EU-Lieferkettengesetzes auf der politischen Agenda. Dabei wird unter anderem über die Größe der Unternehmen diskutiert, die verpflichtet sind, das Gesetz umzusetzen. Das deutsche Gesetz gilt aktuell für Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitenden, das EU-Lieferkettengesetz schreibt einen Geltungsbereich für Unternehmen erst ab 5.000 Beschäftigten vor.

„Wir sehen großes Potential in der EU-Regulierung für Kinder in den Lieferketten, weil sie die UN-Kinderrechtskonvention ausdrücklich als Rechtsgrundlage sieht“, sagt Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. „Die volle Wirkung mit Blick auf den Kinderschutz kann sich aber nur entfalten, wenn das Gesetz für Unternehmen in der Breite gilt. Denn Kinderrechtsverletzungen finden auch in den Lieferketten kleinerer Unternehmen statt.“

Kinderarbeit kommt allerdings nicht nur in produzierenden Sektoren vor. Mit 61 Prozent sind die meisten Kinder in der Landwirtschaft tätig, besonders jüngere Kinder. Dienstleistungen wie die Arbeit in privaten Haushalten oder Straßenverkauf folgen mit 27 Prozent. Daher gilt es, die strukturellen Ursachen von Kinderarbeit - existenzielle Armut, mangelnder Zugang zu Bildung, schwache Sozialsysteme und begrenzte wirtschaftliche Alternativen für Familien – nachhaltig anzugehen. Ohne zusätzliche Investitionen in präventive Maßnahmen wie Bildungs- und soziale Schutzsysteme könnten die Erfolge der vergangenen Jahrzehnte verloren gehen.

Empfehlungen von UNICEF

Um Kinderarbeit weltweit wirksam zu bekämpfen, empfiehlt UNICEF:

  • Kinderschutzsysteme müssen so aufgestellt sein, dass sie gefährdete Kinder rechtzeitig identifizieren, Kinderarbeit verhindern und auf sie reagieren können, insbesondere auf die schlimmsten Formen der Kinderarbeit.

  • Qualitativ hochwertige Bildung sollte überall und für jedes Kind zugänglich sein, insbesondere in ländlichen und krisengeschüttelten Gebieten, damit jedes Kind lernen kann und so auch besser geschützt ist.

  • Investitionen in sozialen Basisschutz für gefährdete Haushalte müssen gestärkt werden, damit Familien nicht auf Kinderarbeit angewiesen sind. Erwachsene brauchen menschenwürdige Arbeit, die ihre Existenz und die ihrer Familien sichert.

  • Um Kinder vor Ausbeutung zu schützen und Kinderrechte in globalen Lieferketten zu wahren, müssen Gesetze für unternehmerische Sorgfalts- und Rechenschaftspflicht der Unternehmen durchgesetzt werden.

Über UNICEF: Hilfe für Kinder seit 80 Jahren

Das UN-Kinderhilfswerk wurde vor 80 Jahren am 11. Dezember 1946 ins Leben gerufen, um Kindern im vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Europa zu helfen. Heute setzt sich UNICEF weltweit in über 190 Ländern für die Umsetzung der Rechte aller Kinder ein. Von der schnellen Nothilfe bis zu langfristigen Programmen hilft UNICEF, dass Mädchen und Jungen überall auf der Welt gesund und geschützt groß werden und ihre Fähigkeiten voll entfalten können.

Das Deutsche Komitee für UNICEF mit Sitz in Köln wurde 1953 als Verein gegründet und ist heute eine der wichtigsten Stützen der weltweiten UNICEF-Arbeit. In ganz Deutschland sind rund 7.000 ehrenamtliche Erwachsene und Jugendliche für UNICEF aktiv. Mit Programmen und politischer Arbeit trägt UNICEF Deutschland auch hierzulande zu einem besseren Verständnis der Rechte und der Belange von Kindern bei. Weitere Informationen: www.unicef.de.

Service für Redaktionen

» Wissenswertes rund um Kinderarbeit finden Sie hier erklärt.

» Mehr dazu, wie Lieferkettengesetze für Kinderrechte wirken, finden Sie hier.

» Bild- und Videomaterial von UNICEF steht Ihnen hier im Rahmen der Berichterstattung zum kostenfreien Download zur Verfügung.

Katja Sodomann
Sprecherin (Köln) - Internationale Themen