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Libanon: Trotz Waffenruhe wurden laut Berichten in der vergangenen Woche mindestens 59 Kinder getötet oder verletzt

Anhaltende Gewalt und Vertreibung gefährden die psychische Gesundheit von mehr als 770.000 Kindern 

Kinder im Libanon leiden weiterhin unter anhaltender Gewalt, Vertreibung und traumatischen Erfahrungen. Trotz der am 17. April 2026 vereinbarten Waffenruhe wurden Berichten zufolge allein in der vergangenen Woche mindestens 59 Kinder getötet oder verletzt. Unter ihnen waren auch zwei Kinder derselben Familie, die am Mittwoch zusammen mit ihrer Mutter bei einem Angriff auf ihr Auto ums Leben kamen. Der Vorfall verdeutlicht einmal mehr, welchen gravierenden Gefahren Kinder weiterhin ausgesetzt sind.

Seit Inkrafttreten der Waffenruhe wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums insgesamt mindestens 23 Kinder getötet und 93 weitere verletzt. Seit dem 2. März steigt die Zahl damit auf insgesamt 200 getötete und 806 verletzte Kinder. Das entspricht nahezu 14 Kindern, die jeden Tag getötet oder verletzt werden.

„Kinder werden getötet und verletzt, obwohl sie wieder zur Schule gehen, mit Freundinnen und Freunden spielen und sich von Monaten der Angst und Not erholen sollten“, sagte Edouard Beigbeder, UNICEF-Regionaldirektor für den Nahen Osten und Nordafrika. „Vor fast einem Monat wurde eine Vereinbarung getroffen, um die Waffen zum Schweigen zu bringen und die Gewalt zu beenden. Doch die Realität ist eine andere. Anhaltende Angriffe töten und verletzen Kinder weiter. Sie setzen Kinder traumatischen Erlebnissen aus und haben verheerende Folgen, die ein Leben lang anhalten können.“

Über die unmittelbaren Folgen von Bombenangriffen und Luftschlägen hinaus leiden schätzungsweise 770.000 Kinder unter zunehmender psychischer Belastung infolge wiederholter Gewalt, Verlusterfahrungen und Vertreibung. Kinder und ihre Bezugspersonen berichten von Symptomen traumatischen Stresses und von Trauer, sowie starker Angst, Albträumen, Schlaflosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Ohne psychosoziale Unterstützung in einem sicheren und geschützten Umfeld drohen vielen dieser Kinder chronische oder lebenslange psychische Erkrankungen.

Bereits die UNICEF-Erhebung „Child-focused Rapid Assessment (CfRA)“ aus dem vergangenen Jahr machte deutlich, dass sich die psychische Gesundheit von Kindern infolge der militärischen Eskalation im Jahr 2024 deutlich verschlechtert hatte: 72 Prozent der Bezugspersonen gaben an, ihre Kinder seien ängstlich oder nervös, 62 Prozent beschrieben sie als deprimiert oder traurig. Die anhaltende Gewalt und Unsicherheit haben diese Belastungen seitdem weiter verschärft. Vielen Kindern fehlen weiterhin Zeit, Sicherheit und Unterstützung, um sich zu erholen.

„Die Auswirkungen wiederholter Gewalterfahrungen und Konflikte auf die psychische Gesundheit von Kindern können tiefgreifend und langanhaltend sein“, sagte Beigbeder. „Kinder im Libanon haben immer wieder Gewalt, Vertreibung und Unsicherheit erlebt – häufig ohne genügend Zeit, sich davon zu erholen. Ohne dringend benötigte Unterstützung könnten die psychischen Narben dieser sich überlagernden Krise sie noch über Jahre begleiten und nicht nur ihr Wohlbefinden, sondern auch ihre Zukunft und die Zukunft des Landes beeinträchtigen.“

Dringende Investitionen in psychologische Unterstützung und Angebote zur psychosozialen Betreuung sind unerlässlich, um Kindern bei der Bewältigung der psychischen Folgen des Konflikts zu helfen und langfristige Schäden zu verhindern. UNICEF weitet diese Angebote im Libanon weiter aus, unter anderem durch sichere Anlaufstellen und gemeindenahe Programme. Doch der Bedarf übersteigt die verfügbaren Ressourcen bei Weitem.

UNICEF fordert alle Konfliktparteien auf, Kinder zu schützen, das humanitäre Völkerrecht einzuhalten und alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, damit die Waffenruhe hält.

Christine Kahmann
Sprecherin (Berlin) - Nothilfe & Internationale Themen