
Aufwachsen im Westjordanland: Wie es Kindern heute geht
Wie sieht das Leben von Kindern im palästinensischen Westjordanland aus? Wie wachsen sie auf, wenn ihr Alltag, ihr Schulweg und sogar ihr Zuhause nicht mehr sicher sind? Auch wenn die Medien viel seltener über das Westjordanland berichten als über die weiterhin erschütternde Lage der Kinder im Gazastreifen: Die Gewalt hat auch hier dramatisch zugenommen – und trifft Kinder direkt.
Die Belastungen, unter denen Kinder im Westjordanland aufwachsen, durchziehen alle Bereiche ihres Lebens. Immer wieder werden Kinder getötet oder verletzt. Palästinensische Familien werden aus ihren Häusern vertrieben. Minderjährige werden inhaftiert, oft ohne Chance auf rechtliche Verteidigung. Bei Angriffen werden Schulen, Krankenhäuser und Wassersysteme von Siedlern zerstört.
Heute möchte ich Ihnen genauer schildern, wie es den Kindern im Westjordanland geht, und einige von ihnen selbst zu Wort kommen lassen.
Aktuelle Lage im Westjordanland
Wie viele Kinder leben im Westjordanland?
Die palästinensische Bevölkerung im Westjordanland ist sehr jung. Laut demografischen Schätzungen leben fast 1,4 Millionen palästinensische Minderjährige im Westjordanland. Damit sind rund 40 Prozent der Gesamtbevölkerung im Westjordanland Kinder und Jugendliche. Insgesamt leben rund 3,4 Millionen Palästinenser*innen im Westjordanland.
Wie viele Kinder im Westjordanland sind getötet oder verletzt worden?
Seit Januar 2025 wurde im Durchschnitt pro Woche mindestens ein palästinensisches Kind im Westjordanland durch Angriffe getötet, über 90 Prozent durch israelische Streitkräfte (Stand: Anfang Juli 2026). Weitere 855 Kinder und Jugendliche wurden in diesem Zeitraum verletzt. Die meisten der getöteten oder verletzten Kinder wurden von scharfer Munition getroffen.
Die Zahl der Angriffe auf Palästinenser*innen im Westjordanland ist historisch hoch. Im März 2026 wurden so viele Palästinenser*innen durch Angriffe von Siedlern verletzt wie in keinem anderen Monat der vergangenen 20 Jahre. Zudem erfolgen die Angriffe immer gezielter und koordinierter.
Wir haben ständig Angst. Wir können nicht in Ruhe schlafen. Ich wünsche mir einfach, dass wir uns ohne Angst ausruhen können.
Kein sicheres Zuhause für Kinder: Vertreibung, Angriffe, zerstörte Lebensgrundlagen
Für Kinder im Westjordanland ist das eigene Zuhause längst kein Ort der Sicherheit mehr. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres vertrieben israelische Siedler über 2.500 Palästinenser*innen aus ihrem Zuhause – darunter rund 1.100 Kinder. Das sind mehr als im gesamten Vorjahr.
Doch nicht nur die Vertreibung zerstört den Alltag der palästinensischen Familien. Immer häufiger werden Wohnhäuser selbst zum Ziel von Angriffen. Familien berichten von brutalen Übergriffen, bei denen die Gewalt der Siedler auch Kinder trifft. Die dokumentierten Vorfälle sind keine Einzelfälle. So wurden Kinder und Jugendliche in den vergangenen Monaten angeschossen, niedergestochen, brutal verprügelt oder mit Pfefferspray attackiert.
Hier sind zwei der vielen dramatischen Beispiele der Gewalt gegen Kinder im Westjordanland:
Ein Säugling, der noch nicht laufen konnte, saß auf dem Schoß seiner Mutter auf dem Rücksitz eines Autos, als ihn eine Kugel traf.
Der achtjährige Ezzaldin schlief, als Siedler nachts sein Dorf überfielen. Zwei Monate zuvor hatten sie das Haus seiner Familie zerstört, deshalb schlief der Junge im Freien. Siedler schlugen Ezzaldin mit einem Holzstück. Mit Kopfverletzungen kam er ins Krankenhaus. Seine Mutter erlitt Brüche an beiden Armen, als sie ihr vier Monate altes Baby zu schützen versuchte und ihre Arme zwischen ihr Kind und den Knüppel des Angreifers hielt.

Fatima mit ihren vier Kindern vor ihrem Haus. Ein Raum wurde im vergangenen Sommer bei einem Angriff von Siedlern niedergebrannt. "Ich wünsche mir nur, dass meine Kinder ohne Angst aufwachsen'", sagt Fatima.
© UNICEF/UNI831415/Media Clinic
Gemeinsam suchen sie in der Ruine nach Gegenständen, die den Brand überstanden haben. "Wir haben dieses Zimmer mit Liebe gebaut. Es sollte ein Ort der Geborgenheit sein", sagt Fatima traurig.
© UNICEF/UNI831417/Media Clinic
"Als die Siedler unser Haus niederbrannten, verbrannten sie auch mein Spielzeug und meine Sachen", erzählt Sireen (8) von dem Tag des Angriffs.
© UNICEF/UNI831420/Media Clinic
Ahmad (5) spielt mit seinem Fahrrad im Hof – einem Ort, an dem er sich sicher fühlen sollte. Aber auch Ahmad wächst auf mit dem Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung.
© UNICEF/UNI831427/Media Clinic
"Ich möchte keine Angst mehr haben. Ich möchte mich einfach sicher fühlen, wenn ich zur Schule gehe", erzählt der 16-jährige Abdulrahman, das älteste Kind von Fatima, über seinen Alltag im Westjordanland.
© UNICEF/UNI831279/Media Clinic
Die psychischen Folgen der Gewalt wiegen schwer: Viele palästinensische Kinder sind traumatisiert, leiden unter Angst oder ziehen sich zurück. Ein tiefes Gefühl der Unsicherheit bestimmt den Alltag vieler Kinder im Westjordanland. Das Zuhause, das eigentlich Geborgenheit geben sollte, erleben sie als Ort der Bedrohung. Kinder verlieren nicht nur ihr Zuhause, sondern auch Sicherheit, Routinen und das Gefühl von Schutz.
Zugleich wurden in diesem Jahr bereits über 60 Wasser- und Sanitäranlagen beschädigt oder mutwillig zerstört (Stand: 12. Mai 2026). Leitungen, Tanks und Bewässerungssysteme fallen aus, der lebenswichtige Zugang zu sauberem Wasser wird immer weiter eingeschränkt. Das bedroht die Gesundheit, Hygiene und auch die Würde der Familien.
Immer wieder kommt es außerdem vor, dass Nutztiere der Palästinenser*innen gestohlen werden. Die Lebensgrundlage der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland wird so gezielt weiter untergraben.
Siedler griffen unser Zuhause an und zerstörten es, und wir standen schutzlos im Freien. Sie begannen, auf uns einzuschlagen. Sie schlugen mir auf den Kopf. Und dann kam ein Krankenwagen und brachte mich ins Krankenhaus. Ich vermisse mein Zuhause, und ich vermisse es, zu Hause zu schlafen.
Krankenhäuser und medizinische Versorgung: Für viele Familien unerreichbar
Im Westjordanland – einschließlich Ost-Jerusalem – wurde die Bewegungsfreiheit in den vergangenen zweieinhalb Jahren immer stärker eingeschränkt. Teilweise wurde sie sogar völlig blockiert.
So wurden bis Anfang Juli 2026 über 900 neue Barrieren errichtet, also zum Beispiel zusätzliche militärische Checkpoints oder unangekündigte Straßensperren. Familien mit kranken oder verletzten Kindern stecken oft stundenlang fest, bevor sie weiterfahren dürfen. Laut der WHO (Weltgesundheitsorganisation) sind auch Krankenwagen von den Sperrungen betroffen. Sie müssen Umwege fahren oder werden an Kontrollpunkten aufgehalten. In Notfällen entscheiden solche Verzögerungen über Leben und Tod.
Aktivitäten, die alltäglich sein sollten – wie der Weg zum Krankenhaus – sind für Kinder und Familien mit erheblichen Hürden und Gefahren verbunden. Für viele Familien ist medizinische Hilfe kaum noch erreichbar.
Die Siedler greifen uns täglich an, und es ist sehr schwer, die medizinische Versorgung zu erhalten, die ich brauche. Letzten Donnerstag bewarfen mich Siedler mit einem Stein. Meine Niere und meine Milz wurden verletzt. Ich musste für vier Tage ins Krankenhaus.
Zugang zu Bildung erschwert – Schulweg wird zum Weg der Angst
Die Gewalt und Benachteiligung, denen Kinder im Westjordanland ausgesetzt sind, setzen sich auf ihrem Weg zur Schule bzw. in der Schule weiter fort. Der Schulweg ist für viele Kinder im Westjordanland mit Angst verbunden – und mit immer mehr Hindernissen. Schulen sind oft nur schwer oder über Umwege erreichbar, da das israelische Militär in den vergangenen zweieinhalb Jahren Hunderte zusätzliche Checkpoints und Straßensperren errichtet hat.

Viele Kinder im Westjordanland berichten, dass sie mit einem ständigen Gefühl der Angst leben – zum Beispiel auf dem Weg zur Schule oder wenn sie draußen spielen. Sie haben Angst vor Schießereien und Angriffen.
© UNICEF/UNI518318/Badarneh
Ich musste die Schule verlassen, weil der Bus nicht mehr fuhr. Die Siedler blockieren die Straßen und werfen Steine. Wir haben keine Ärzte, keine Klinik, nichts, was uns helfen könnte.
Allein in diesem Jahr gab es bereits rund 100 sogenannte bildungsbezogene Vorfälle (Stand: 12. Mai 2026). Hinter diesem nüchternen Begriff verbergen sich erschütternde Realitäten:
Kinder werden auf dem Schulweg oder in der Schule bei Angriffen verletzt oder getötet.
Schülerinnen und Schüler werden inhaftiert.
Schulen werden beschädigt oder zerstört.
Das israelische Militär nutzt Schulgebäude für eigene Zwecke.
Kinder werden vom Unterricht ausgeschlossen, und ihnen wird der Zugang zu ihren Schulen verweigert.
Kinder haben das Recht auf eine gute Schul- und Ausbildung. Doch Schule bedeutet für die Kinder weit mehr als den reinen Wissenserwerb. Sie gibt den Kindern Stabilität, Normalität und einen sicheren Raum zum Lernen.
Wenn Kinder in der Schule um ihr Leben fürchten oder vom Unterricht ausgeschlossen werden, hinterlässt das tiefe Spuren. Ihren Chancen auf ein selbstbestimmtes, gesundes Leben und gesellschaftliche Teilhabe schwinden. Das Wohlergehen und die Zukunft der palästinensischen Kinder im Westjordanland stehen auf dem Spiel.

Auch Schulen und Kindergärten werden zu Zielen der Gewalt, so wie hier ein von israelischen Siedlern verwüsteter Kindergarten in Hebron.
© UNICEF/UNI990570/SoP/2026Als ich meine zerstörte Schule sah, überkam mich ein schweres Gefühl, und ich fragte mich: Warum wurde unsere Schule zerstört?
Palästinensische Kinder in Israel in Haft – oft ohne Rechtsbeistand
Im Westjordanland ist die Zahl festgenommener und inhaftierter palästinensischer Kinder und Jugendlicher stark angestiegen. Hunderte Minderjährige sitzen derzeit in israelischer Militärhaft. Mitte Mai 2026 waren 347 palästinensische Kinder und Jugendliche inhaftiert – so viele wie seit acht Jahren nicht mehr. Der Vorwurf: mutmaßliche sicherheitsbezogene Delikte.
Besonders alarmierend finden wir, dass mehr als die Hälfte dieser Kinder ohne die erforderlichen rechtsstaatlichen Garantien festgehalten wird. Sie erhalten weder regelmäßigen Zugang zu Rechtsbeistand noch die Möglichkeit, ihre Inhaftierung anzufechten.
Was uns außerdem besorgt, sind die psychischen Folgen. Denn Festnahmen und Haft schüren Unsicherheit und Angst bei den Kindern und ihren Familien. Oft hinterlassen sie tiefe seelische Wunden und Traumata.

Bild 1 von 3 | Ihr Fußballspiel ist gefährlich: Wenn diese Kinder in der Region Hebron den Ball versehentlich über den Stacheldraht hinter dem Tor schießen, ist es ihnen verboten, den Zaun zu überqueren und den Ball zurückzuholen.
© UNICEF/UNI990544/SoP/2026
Bild 2 von 3 | Stacheldraht und Flaggen markieren die Grenze zu einer israelischen Siedlung, die direkt an das Fußballfeld der Kinder grenzt.
© UNICEF/SoP/2026
Bild 3 von 3 | Wenn ein palästinensisches Kind über den Zaun springt, um den Fußball zurückzuwerfen, holen Siedler die israelische Armee und das Kind wird festgenommen.
© UNICEF/UNI990570/SoP/2026
Wie UNICEF Kindern im Westjordanland hilft
UNICEF arbeitet seit vielen Jahren in Palästina, um Kindern zu helfen – im Gazastreifen und auch im Westjordanland. Unsere Unterstützung erleichtert ihren Alltag, gibt Stabilität und schützt Kinder sowie ihre Familien.
Einige Beispiele, wie wir Kindern im Westjordanland aktuell helfen:
Wasser: UNICEF unterstützt Kinder und Familien im Westjordanland mit sauberem Wasser und verbessert die sanitäre Versorgung.
Gesundheit: Unsere mobilen Gesundheitsteams erreichen monatlich mehr als 4.000 Menschen im Westjordanland und bieten grundlegende medizinische Versorgung. Zudem haben wir bis Mitte Mai 20 Generatoren an Gesundheitseinrichtungen geliefert, um eine zuverlässige Notstromversorgung für die Kühlkette sicherzustellen (Stand: Mitte Mai).
Bargeldhilfen: Darüber hinaus erhalten besonders gefährdete Familien von uns kleine monatliche Bargeldbeträge. Mit diesen können sie provisorische Unterkünfte reparieren, Lebensmittel kaufen oder die Medikamente oder Schulmaterialien ihrer Kinder bezahlen.
Bildung & Schulmaterialien: Wir setzen uns dafür ein, den Schulweg für Schülerinnen und Schüler im Westjordanland sicherer zu machen und Kindern wieder Lernangebote zu ermöglichen, wenn ihre Schulbildung unterbrochen wurde. Außerdem stellen wir Lernmaterialien für Schulkinder bereit.
Psychosoziale Hilfe: Wir unterstützen Kinder, damit sie Erlebnisse von Vertreibung und Gewalt besser verarbeiten und nicht allein damit bleiben.

Bild 1 von 3 | Die Wasserversorgung der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland ist durch anhaltende militärische Operationen stark beeinträchtigt. UNICEF befüllt Wassertanks, damit die Familien trotzdem sauberes Wasser haben.
© UNICEF/UNI835132/Izhiman
Bild 2 von 3 | UNICEF unterstützt im gesamten Westjordanland Sommer-Aufholschulen. Hier können Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 6 ihr Wissen vertiefen und verpasstes Unterrichtsmaterial nachholen, zum Beispiel aus den Fächern Mathe, Arabisch oder Englisch. Außerdem können die Kinder sich künstlerisch und sportlich ausprobieren.
© UNICEF/UNI859364/Izhiman
Bild 3 von 3 | Kinder in Ramallah im Westjordanland nehmen an Aktivitäten zur psychischen Gesundheit teil, die von UNICEF angeboten werden. Psychosoziale Hilfe ist ein zentraler Bestandteil der UNICEF-Hilfe im Westjordanland.
© UNICEF/UNI835168/Izhiman
UNICEF fordert Schutz für palästinensische Kinder
UNICEF ruft die israelischen Behörden auf, ihrer rechtlichen Pflicht nachzukommen, die Rechte von Kindern in allen von ihnen kontrollierten Gebieten, einschließlich der besetzten Gebiete, zu wahren. Die Behörden müssen sofort handeln, um weitere Tötungen und Verletzungen palästinensischer Kinder zu verhindern und deren Wohnhäuser, Schulen sowie den Zugang zu Wasser gemäß dem Völkerrecht zu schützen. Gleichzeitig appelliert UNICEF an die UN-Mitgliedstaaten, ihren Einfluss geltend zu machen, um sicherzustellen, dass das Völkerrecht beachtet und eingehalten wird.
Warum Hilfe für die Kinder im Westjordanland jetzt wichtig ist
Die Lebenswelt der Kinder im Westjordanland ist geprägt von Gewalt, Zerstörung, Unsicherheit und eingeschränkter Bewegungsfreiheit. Doch Kindheit braucht Schutz – nicht zusätzliche Belastungen. Jedes Kind hat das Recht auf ein Leben in Würde, auf Bildung und Spiel und auf eine Perspektive jenseits von Konflikten. UNICEF steht an der Seite der Kinder, um diese Rechte zu verteidigen und ihnen eine Stimme zu geben.

UNICEF ist seit Jahrzehnten im Westjordanland im Einsatz. Diese palästinensischen Kinder aus einer Beduinengemeinschaft nahe der Stadt Ramallah werden von UNICEF mit sauberem Wasser versorgt.
© UNICEF/UNI835146/Izhiman
UNICEF verurteilt die furchtbaren Angriffe auf Israel und die Folgen für Kinder und Familien seit dem 7. Oktober 2023 und ist besorgt über die Auswirkungen der Gewalt auf Kinder. Jedes Kind muss vor Gewalt geschützt sein.
In Israel ist UNICEF seit 2009 als eines von weltweit 32 UNICEF-Nationalkomitees aktiv. Das israelische Nationalkomitee wirbt um Unterstützung für die UNICEF-Arbeit weltweit und setzt sich für die Förderung und Sensibilisierung für Kinderrechte ein.
Mit Programmarbeit ist UNICEF in Israel aktuell nicht aktiv. Länder mit höherem Einkommen – wie Israel – sind in der Regel selbst in der Lage, die Kinder im Land angemessen zu versorgen. Aus diesem Grund gibt es keinen UNICEF-Spendenaufruf für die Kinder, die in Israel leben. UNICEF ist allerdings mit den zuständigen Stellen in Israel laufend im Gespräch.