Was ist Gewalt gegen Kinder?
Jedes Kind hat ein Recht darauf, ohne Gewalt groß zu werden. Das haben fast alle Staaten der Erde mit der UN-Konvention über die Rechte des Kindes anerkannt. Und doch werden zahlreiche Kinder heutzutage noch immer geschlagen, niedergebrüllt, vernachlässigt und erniedrigt – sei es aus Gleichgültigkeit, Unwissenheit oder Überforderung.
Wir wissen heute mehr als je zuvor über die unterschiedlichen Formen der Gewalt und ihre Folgen für Kinder. Und doch verschließt unsere Gesellschaft viel zu oft die Augen. Viele tolerieren Gewalt gegen Kinder weiterhin, einige sehen sie sogar als notwendig an. Umso wichtiger ist es, das gesellschaftliche Bewusstsein für Gewalt gegen Kinder zu schärfen. Die gesamte Gesellschaft muss es endlich als Daueraufgabe verstehen, sich Gewalt an Kindern entgegenzustellen, damit alle Kinder sicher und gut aufwachsen.
Wir beantworten hier die wichtigsten Fragen zu Gewalt gegen Kinder und zeigen, wie Sie helfen können, alle Formen von Gewalt gegen Kinder zu beenden.
1. Wo beginnt Gewalt gegen Kinder?
Gewalt gegen Kinder kann schon dort beginnen, wo die kindlichen Grundbedürfnisse wie Respekt, Sicherheit, körperliche Unversehrtheit und emotionale und soziale Unterstützung nicht erfüllt werden. Wenn Erwachsene Kinder nicht als eigenständige Persönlichkeiten respektieren, sondern Macht über sie ausüben oder sie kontrollieren wollen, kann das Kindern ein Gefühl von Ohnmacht, Wertlosigkeit, Angst oder Abhängigkeit vermitteln. Das ist eine Gewalterfahrung, selbst wenn die Kinder keiner körperlichen Gewalt ausgesetzt sind.
2. Welche Arten von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gibt es?
Gewalt gegen Kinder hat viele Gesichter. Und häufig wird sie gerade durch diejenigen ausgeübt, die den Kindern am nächsten sind – ihre Eltern, Erziehende oder andere Bezugspersonen.
Wenn Gewalt gegen Kinder durch Menschen ausgeübt wird, die eigentlich für ihren Schutz verantwortlich sind, wird dies als Misshandlung ("maltreatment") bezeichnet. Unterschieden wird dabei zwischen körperlicher Misshandlung, sexualisierter Gewalt, psychischer bzw. emotionaler Misshandlung und Vernachlässigung. Oft lassen sich die verschiedenen Formen von Gewalt nicht eindeutig voneinander abgrenzen, sondern treten gemeinsam auf.
- Psychische Misshandlung: Erniedrigungen durch Worte, Diskriminierung, Anschreien, Liebesentzug bis hin zu Bedrohungen und offener Verachtung.
- Körperliche Misshandlung: Physische Gewalt gegen Kinder, wie beispielsweise das Schlagen mit Händen und Gegenständen sowie Schütteln, Beißen, Verbrühen und Vergiften.
- Sexualisierte Gewalt: Jede sexuelle Handlung an und mit Kindern, die gegen deren Willen geschieht oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können.
- Vernachlässigung: Das Versagen, einem Kind grundlegende körperliche und emotionale Bedürfnisse nach Gesundheit, Bildung, emotionaler Entwicklung, Ernährung, Unterbringung und einem sicheren Lebensumfeld zu erfüllen.
Gewalt sind also nicht nur Schläge, sondern zum Beispiel auch verbale Demütigungen durch Sätze wie "Das schaffst du doch sowieso nicht". Auch wenn ein Kind ständig stundenlang sich selbst überlassen wird, oder wenn es körperlich oder emotional nicht ausreichend versorgt wird, ist das eine Form von Gewalt. Jede Handlung, die einem Kind schadet, gehört dazu – und auch das Unterlassen essenzieller Handlungen. Dabei spielt es für das Kind keine Rolle, ob diejenigen, die die Gewalt ausüben, ungewollt oder bewusst handeln.

Viele Kinder werden täglich beschimpft und dadurch erniedrigt – auch das ist Gewalt.
© UNICEF/UNI394312/Madeline Kelly3. Wie viele Kinder leiden unter Gewalt?
Es ist schwierig, das tatsächliche Ausmaß von Gewalt gegen Kinder zu erfassen. Viele Fälle bleiben im Verborgenen – auch, weil unsere Gesellschaft bei Gewalt an Kindern viel zu oft die Augen verschließt. Deshalb ist es wichtig, dass wir dieses Dunkelfeld ausleuchten.
Weltweit sind laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO jedes Jahr eine Milliarde Kinder und Jugendliche zwischen zwei und 17 Jahren von physischer, sexualisierter oder psychischer Gewalt betroffen. Das sind eine Milliarde Kinder, die mit den Folgen von Gewalt leben müssen. Schaut man auf Kinder unter fünf Jahren, kommt UNICEF in einer Erhebung von 2024 zu dem Schluss, dass weltweit sechs von zehn Kinder in diesem Alter Gewalt durch Bezugspersonen erleben.
Auch in Deutschland sind die Zahlen erschreckend. In einer Untersuchung aus dem Jahr 2017 berichteten etwa 31 Prozent der Befragten, dass sie eine Form von Misshandlung mit mindestens moderatem Schweregrad erfahren hatten.
4. Was genau ist psychische Gewalt gegen Kinder?
Kinder brauchen die Zuwendung und Aufmerksamkeit ihrer Bezugspersonen. Aber für viele Kinder sind gemeinsames Spielen, ein offenes Ohr für Ideen oder Ängste oder ein paar aufbauende Worte nicht selbstverständlich. Im Gegenteil: Durch Bemerkungen wie „Versager“, Dummkopf“ oder „Angsthase“ werden zu viele Kinder weltweit tagtäglich erniedrigt und gedemütigt. Sie werden innerhalb der Familie bloßgestellt oder bei Konflikten einfach niedergebrüllt. Das alles ist psychische Gewalt.
Psychische Misshandlung gehört zu den häufigsten Formen von Gewalt gegen Kinder. Ihre Folgen für das Selbstwertgefühl und die psychische Gesundheit von Kindern können ebenso verheerend sein wie die von sexualisierter oder körperlicher Gewalt. Vielen Menschen – auch Eltern – ist das immer noch nicht bewusst.
Als „stille Gewalt“ bezeichnet man Gewalt, die keine körperlichen Spuren hinterlässt, aber trotzdem schwere Auswirkungen auf die psychische und emotionale Gesundheit von Kindern hat. Typische Beispiele für stille Gewalt sind emotionale Kälte, wenn ein Kind ignoriert oder bewusst ausgegrenzt wird, verbale Erniedrigungen, Auslachen oder Drohungen.
5. Welche Folgen hat Gewalt bei Kindern und Jugendlichen?
Kinder, die körperliche oder psychische Gewalt erleben, sind massivem Stress ausgesetzt. Ihre kindliche Welt, ihr Bedarf nach Sicherheit und Geborgenheit, wird durch Gewalt massiv bedroht. Viele von ihnen tragen die Gewalterfahrungen ein Leben lang mit sich. Gewalt in der Kindheit und Jugend kann das Selbstvertrauen und die Resilienz von Kindern dauerhaft schädigen. Es kann auch ihre Fähigkeit beinträchtigen, zu lernen oder positive Beziehungen einzugehen. So sind Kinder, die anhaltend Gewalt ausgesetzt sind, in vielerlei Hinsicht benachteiligt.
Wichtig ist jedoch auch: Viele betroffene Kinder zeigen eine unglaubliche Widerstandskraft, wenn es darum geht, das Erlebte zu verarbeiten. Das ist insbesondere der Fall, wenn sie durch andere Personen Vertrauen, Anerkennung und Unterstützung erfahren. Umso wichtiger ist es, dass betroffenen Kindern schnell und nachhaltig geholfen wird.
6. Wie reagieren Kinder, die geschlagen werden?
Körperliche Gewalt verletzt die Grenzen von Kindern und nimmt ihnen ihr Selbstwertgefühl: Sie erleben, dass ihre Bedürfnisse keine Bedeutung haben. Vielen Kindern und Jugendlichen fällt es dadurch schwer, sich abzugrenzen und eigene Wünsche zu äußern. Andere ziehen sich in sich selbst zurück, sind ängstlich oder fühlen sich ohnmächtig. Es gibt auch Kinder, die auf körperliche Gewalt mit Wut und Aggressionen reagieren. Dann beginnen sie selbst, andere zu schlagen oder Dinge zu zerstören. Wichtig ist, dass solche Anzeichen ernst genommen werden – denn Kinder, die anhaltende Gewalt erfahren, haben später ein deutlich höheres Risiko für psychische Erkrankungen. Nur wenn wir Gewalt an Kindern erkennen und handeln, können wir helfen.
7. Was kann ich tun, um Gewalt gegen Kinder zu verhindern?
Viele Menschen fühlen sich hilflos, wenn sie Zeuge von Gewalt werden oder vermuten, dass ein Kind Gewalt erlebt. Doch jede und jeder von uns kann dabei helfen, Kinder besser zu schützen. Wir alle müssen aufmerksam sein und dafür sorgen, dass sie Hilfe erhalten. Das ist Aufgabe unserer gesamten Gesellschaft.
Dies bedeutet, dass wir Kindern und Jugendlichen zuhören und sie ernst nehmen, wenn sie von Gewalt zu Hause, in der Schule oder der Kita erzählen. Und, dass wir uns Hilfe holen und darüber reden, wenn wir uns Sorgen um ein Kind machen oder glauben, dass es möglicherweise Gewalt erfährt. Dies ist ein erster wichtiger Schritt.
Es gibt viele Anlaufstellen, die Kinder und Erwachsene bei Gewalterfahrungen oder beim Verdacht auf Gewalt beraten. Hier finden Sie eine Übersicht über kostenlose Beratungsangebote in Deutschland.
